IMK –Wocheninformationsdienst
PRESSEERKLÄRUNG
Bonn, 23.
Januar 2002
PRESSEERKLÄRUNG
Türkei
lässt die Maske fallen:
- Staatliche
Generalmobilmachung gegen die Forderung „Bildung in Kurdischer Sprache“
- Kurdische
Studenten verhaftet, geschlagen, gefoltert und als Separatist gebrandmarkt.
Als im letzten
Jahr die türkische Verfassung „reformiert“ wurde und darin das ausdrückli-che
Verbot der kurdischen Sprache nicht zu finden war, werteten dies zahlreiche
europäi-sche Politiker als einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung.
Die Türkei
versuchte geschickt zu lavieren und durch diese Auslassung die wirkliche
Er-füllung der Kopenhagener Kriterien zu umgehen. Doch Artikel 42 der türkischen
Verfassung stellte sie wieder klar: „In Erziehungs- und Unterrichtsanstalten
darf türkischen Staatsbürgern keine andere Sprache als Türkisch als Muttersprache
gelehrt oder im Unterricht verwendet werden.“
Am 20. November
2001 starteten an der Is-tanbuler Universität 200 kurdische Studenten eine
Kampagne mit der Forderung nach Bil-dung in ihrer Muttersprache kurdisch,
die sich in Windeseile quer durch die Türkei ausbreitete und auch auf Schulen
übergriff. Die Zahl der Anträge erhöhte sich laut türkischer Zeitung Hürriyet
auf 10.608 (18.01.2002). Die Aktionsform war denkbar friedlich: Studenten
und Schüler reichten Einzelanträge oder Unterschriftenlisten bei ihren
Dekanen oder Schulverwaltungen ein. Diese weigerten sich jedoch, die Anträge
entgegenzunehmen. Die Kampagne läuft weiter, und auch die Gewalt gegen
die Studenten und Schüler.
Innenminister
Yücelen bewertete die Kam-pagne für den Muttersprachlichen Unterricht in
kurdisch als eine klare separatistische Aktion und gab die Anweisung, die
Anträge strikt ab-zulehnen und die Antragsteller, die in der Logik dann
dadurch eine Straftat begangen haben, zu verhaften. Daraufhin wurden
die berüchtigten Staatssicherheitsgerichte (SSG) eingeschaltet, die gegen
die Antragsteller vor-gehen. Der Staatsanwalt der SSG in Istanbul beauftragte
sogar der „Anti-Terror-Abteilung der Polizei“ mit der Verfolgung der Antragstel-ler.
Der Hochschulrat
YÖK machte seine Drohung wahr und hat angefangen die Antragsteller mit
Ausschluss von den Universitäten von einem Monat bis zu zwei Semestern
zu bestrafen.
Die Türkei
hat sichtbar für die Öffentlichkeit ihre Maske fallen lassen: Der repressive
und brutale Umgang mit den kurdischen Studen-ten und Schüler, die sich
an dieser friedlichen Kampagne beteiligen, zeigt deutlich, dass das türkische
Regime noch weit davon entfernt ist, offen und öffentlich, ohne Repressionen
über Menschenrechte, über Individual-, Gruppen- und Minderheitenrechte
zu sprechen. Statt-dessen zitiert sie ihre eigenen Gesetze und bestraft
dementsprechend.
Die Kampagne
tut nichts anderes, als ein lin-guistisches Menschenrecht zu fordern. Der
paranoide Umgang der Türkei mit der kurdischen Sprache macht hier noch
einmal deutlich wie weit die Türkei von den europäischen Normen und
Werten entfernt ist. Seit Jahren genießen die Kinder der kurdischen Immigranten
in den Bundesländern Bremen, Nieder-sachsen und Nordrhein-Westfalen oder
beispielsweise in Schweden Muttersprachlichen Unterricht in kurdisch, die
staatlich gefördert und unterstütz wird. Aber Millionen kurdischen Kindern
türkischer Staatsbürger wird dieses Recht mit allen brutalen Mitteln verweigert.
- Wir fordern
das Europarat, die Europäische Union, und ihre Institutionen dringend
auf, gegen das Vorgehen der türkischen Regierung in der Frage zum Recht
des kurdischen Volkes auf seine Muttersprache nicht zuzuschauen, sondern
die Türkei zur unverzüglichen Rückkehr zu den europäischen Normen und Werten
anzumahnen.
- Wir fordern
die türkische Regierung auf, die Forderungen der Kurden „Bildung in kurdischer
Sprache“ zu erfüllen und ihren internationalen Verpflichtungen im Bereich
der Menschenrech-te nachzukommen.
Der Vorstand
Bonn, 23. Januar 2002
Sertac
Bucak, Vorsitzender
|