MK –Wocheninformationsdienst
Datum:
23. Oktober – 05. November 2001 Nummer: 131-132
Ausnahmezustand
in vier Provinzen ver-längert
Wieder wurde
im Nationalen Sicherheitsrat der Ausnahmezustand für die Provinzen Diyarba-kir,
Tunceli, Hakkari und Sirnak für weitere vier Monate, also bis März 2002,
verlängert. Der Ausnahmezustand wurde 1987 in 13 Provin-zen verhängt und
gibt den Gouverneuren der Provinzen Sonderrechte, die die Rechte der Bürger
außer Kraft setzen. (Quelle: ap, Radikal, 30.10.01)
Türkei räumt
vor Europäischem Gerichts-hof Menschenrechtsverstöße ein
Die Türkei
hat vor dem Europäischen Ge-richtshof Menschenrechtsverstöße eingeräumt
und Entschädigungszahlungen an vier kurdi-sche Familien zugestimmt. Bei
einem Polizei-einsatz im Dorf Kirkagac im Südosten der Tür-kei verloren
die Familien jeweils einen Bruder, Sohn oder Ehemann, wie das Gericht am
Dienstag mitteilte. Die Männer sind bis heute verschwunden. Als Entschädigung
sollen die Familien nun jeweils 108.000 Mark erhalten. Die türkische Regierung
bedauerte in einer Erklärung das „Verschwinden von Angehörigen der Kläger
und die in ihren Familien verursach-te Angst“. Ankara werde „in Zukunft
effektive Ermittlungen über jeden Vorwurf von Ver-schwinden“ gewährleisten,
versprach die Re-gierung. Durch „ungerechtfertigten Freiheits-entzug und
mangelhafte Ermittlungen“ seien Menschenrechte verletzt worden. (Quelle:
afp, 06.11.01)
Reporter
Ohne Grenzen: Journalist Adnan Keskin bedroht
In einem Brief
an den Abgeordneten und frühe-ren Innenminister Mehmet Agar drückte die
Organisation Reporter Ohne Grenzen ihre Sorge über dessen verbale Angriffe
gegen den Journalisten Adnan Keskin, der für die türki-sche Tageszeitung
Radikal schreibt. Die Dro-hungen folgten auf Keskins Artikel “Susurluk-Affäre
begraben” am 17. Oktober. Darin hatte Keskin geäußert, die angeklagten
hochrangi-gen Polizeibeamten könnten vom Kassations-gericht milde behandelt
werden.
RSF vorliegenden
Informationen zufolge erhielt Adnan Keskin am 19. Oktober einen Anruf von
Mehmet Agar, der ihn zwingen wollte, die Dis-kussion um die Susurluk-Affäre
zu stoppen. Andernfalls würden seine „Freunde [die in der Affäre beschuldigt
werden] sich übel verhal-ten“.
Die Susurluk-Affäre
geht zurück auf einen Autounfall in 1996 in der Stadt Susurluk bei Balikesir,
der die Verbindung zwischen der Mafia, der Polizei und dem Abgeordneten
im Zusammenhang mit Waffengeschäften auf-deckte und für große öffentliche
Aufregung sorgte.
Am 24. Oktober
entschied das Kassationsge-richt, die Untersuchung in der Affäre fortzuset-zen.
Weitere Informationen: RSF, Jean-Christophe Me-net, europe@rsf.fr, http://www.rsf.fr
(Quelle: Reporters
sans frontières (RSF), 26.10.01)
Susurluk-Verfahren
wieder aufgerollt
Die 8. Kammer
des Kassationsgerichtshofes hat das Urteil gegen die sogenannte Bande von
Susurluk aus formellen Gründen aufgeho-ben. Dem SSG Istanbul Nr. 6 wurde
vorgewor-fen, sie sei dem Antrag der Angeklagten auf nichtöffentliche Sitzung
nicht gefolgt und habe dadurch versäumt, an wichtige Informationen zu gelangen.
In dem Verfahren waren der stellv. Vorsitzende der Abteilung für Sonder-operationen,
Ibrahim Sahin, und der Geheim-dienstler Korkut zu je 6 Jahren Haft verurteilt
worden. Die anderen 12 Angeklagten, unter ihnen Mitglieder von Spezialteams
hatten 4 Jahre Haft für die “Bildung einer kriminellen Vereinigung” erhalten.
(Quelle: Cumhuriyet, 25.10.01)
Reporter
Ohne Grenzen: „Idea Politika“ Chef-Autor Özkoray angeklagt
In einem Brief
an Justizminister Hikmet Sami Türk drückte RSF seinen Unmut über den Publikationsverbot
des Magazins „Idea Politi-ka“ und die juristischen Schritte gegen den Chef-Autor
Erol Özkoray wegen „Beleidigung des Militärs“ aus und forderte den Justizminis-ter
auf, dien Anklagen gegen Özkoray aufzu-heben. Der Journalist wird aufgrund
des Arti-kels 159 des türkischen Strafgesetzes ange-klagt. Ihm drohen 12
Jahre Haft. Die erste Anhörung ist am 9. November vor der Istanbu-ler Strafkammer
vorgesehen.
„Wir werden
die Aufmerksamkeit der europäi-schen Institutionen auf die Bedeutung dieses
Verfahrens, das ein Test darstellt, lenken. Es stellt sich die Frage, ob
es in der Türkei mög-lich ist, die Institutionen und die Armee zu kriti-sieren.
Wenn die Antwort Nein lautet, so gibt es unter den europäischen Demokratien
kein Platz für die Türkei“, erklärte Robert Ménard, Generalsekretär von
RSF.
Anlass für
die Anklage ist ein Artikel Özkorays mit dem Titel „Permanenter Putsch
und Demo-kratie a la Turca“. Zusammen mit zwei weite-ren Anklagen, die
zur Zeit gegen Erol Özkoray laufen, drohen ihm insgesamt 30 Jahre Haft.
Weitere Informationen:
RSF, Jean-Christophe Menet, europe@rsf.fr, http://www.rsf.fr
(Quelle: Reporters
sans frontières (RSF), 30.10.01)
Türkische
Staatsanwaltschaft schließt Lo-kalradio wegen kurdischer Musik
Unter dem
Vorwand, der lokale Radiosender Gün würde die Frequenz von Funkgeräten
stören, entschied die Staatsanwaltschaft die Schließung des Senders.
Als tatsächlichen
Grund für die Schließung gibt jedoch Nevzat Bingöl, Besitzer des Lokalsen-ders
in Diyarbakir, politische Gründe an. Er sagte, dass sein Sender Gün Radyo
wegen des Sendens von kurdischer Musik geschlos-sen wurde. Die Verwaltung
versuche kurdische Sendungen auf diese Weise zu unterbinden. Sein lokaler
Fernsehsender war gerade auf Sendung, als die Polizisten kamen und die
Technische Ausstattung konfiszierten. Wäh-rend der Konfiszierung warteten
zwei Mann-schaftswagen mit schnellen Eingreiftruppen der Polizei einsatzbereit
vor dem Sender.
(Quelle: BIA
Nachrichten Center, 01.11.01; reuters, 31.10.01)
Türkische
Exporte in den Irak erreichen 1 Mrd US-Dollar
Außenhandelsuntersekretär
Kürsad Tüzmen stellte bei der Eröffnung der 34. Internationalen Handelsmesse
von Bagdad fest, dass die Tür-kei seine Exporte in den Irak in den vergange-nen
zwei Jahren erheblich erhöht hat, im Ver-gleich zum letzten Jahr sogar
um 110 %. Zur Zeit haben die Exporte einen Volumen von 1 Mrd. US-Dollar.
Angestrebt wird eine Erhöhung auf 2 Mrd. (Quelle: Anadolu Ajansi, 02.11.01)
IHD gewinnt
Schließungsprozess
Der Prozess
gegen den Menschenrechtsverein IHD, bei dem die Schließung des gesamten
Vereines gefordert wurde, ging in Ankara mit einem Sieg für den IHD zu
Ende. Der Staats-anwalt sagte in seinem Plädoyer, eine Schlie-ßung des
Vereins komme nicht in Frage. IHD-Vorsitzender Hüsnü Öndül schloss sich
den Ausführungen an und Richter Bilal Yildirim verkündete, die Abweisung
des Antrages auf Schließung des Vereins. (Quelle: TIHV, 23.10.01)
Amnesty
International Urgent Action für Saban Dayanan
AI ist in
großer Sorge um die Sicherheit des Menschenrechtsverteidigers Saban Dayanan
(33). Offenbar haben Polizisten versucht, in seine Wohnung einzubrechen,
auch ist er von Unbekannten verfolgt worden. Dayanan ist Mitglied des nationalen
IHD-Vorstandes sowie des regionalen Vorstands des IHD in Istanbul. Man
geht davon aus, dass türkische Sicher-heitskräfte in die Morde an mehreren
IHD-Vertretern verwickelt sind.
Am 19. Oktober
2001 hatte der Istanbuler IHD einen Bericht über den seit über einem Jahr
dauernden Hungerstreik politischer Gefange-ner veröffentlicht. Am selben
Tag versuchten Berichten zufolge fünf Personen in Dayanans Wohnung in Istanbul
einzubrechen. Offenbar wussten sie, dass niemand zu Hause war. Nach Angaben
von Nachbarn gaben sich die Männer als Polizeibeamte aus und zeigten auch
ihre Polizeiausweise. Einer von ihnen soll sogar eine Polizeiuniform getragen
haben. Die örtliche Polizeiwache und die Polizeizentrale von Istanbul bestreiten
gegenüber dem IHD jegliche Kenntnis von einem derartigen Poli-zeieinsatz.
Dayanan sagte aus, dass er zudem in den vergangenen Tagen von Personen
in Zivil verfolgt wurde. Dabei handelte es sich nicht um jene Polizeibeamten,
die das Istanbu-ler IHD-Büro gewöhnlich observieren.
Der Menschenrechtler
wird schon seit Jahren von den Sicherheitskräften drangsaliert. 1996 brachen
Zivilpolizisten in seine Wohnung ein, da der IHD im Falle des im Gewahrsam
ge-storbenen Journalisten Metin Göktepe recher-chiert hatte. Nach der Festnahme
von Öcalan war Saban Dayanan von einer rechtsgerichte-ten Gruppierung mit
dem Tode bedroht worden (siehe EXTRA 27/99, 25.02.99). Im Anschluss an
die Proteste wegen des Todes von zehn Häftlingen im Zentralgefängnis von
Ankara im September 1999 durchsuchte die Polizei das IHD-Büro in Istanbul.
Dabei wurde Saban Dayanan von der Polizei verprügelt. (siehe EXTRA 135/99,
29.09.99).
(UA 272/01
ai-Index: EUR 44/076/2001 25. Oktober 2001 – md / Komplette UA auf unserer
Webseite)
Amnesty
International Urgent Action für Fehime Ete
Die Kurdin
Fehime Ete wurde am 21. Oktober 2001 von türkischen Sicherheitskräften
in ih-rem Heimatort Siirt festgenommen. Erst drei Tage später bestätigten
die Sicherheitskräfte ihre Festnahme. Fehime Ete ist in großer Ge-fahr,
misshandelt oder gefoltert zu werden. Als sich ihre Familienangehörigen
beim örtlichen Staatsanwalt nach den Gründen für ihre Inhaf-tierung erkundigten,
teilte man ihnen schließ-lich mit, dass sie in dem drei Autostunden ent-fernten
Ort Van verhört werde. Der Staatsan-walt lehnte es ab, Näheres zu der Festnahme
zu sagen, weil man Fehime Ete wegen Strafta-ten, die unter die Zuständigkeit
der Staatssi-cherheitsgerichte fallen, verdächtigt wird. Es wird angenommen,
dass sich Fehime Ete in der Polizeizentrale von Van in Gewahrsam befindet.
Der Ehemann von Fehime Ete ist Häftling im Gefängnis von Siirt. Unbestätigten
Berichten zufolge wurde sie festgenommen, als sie ihn am 20. August 2001
besuchen woll-te. (UA 271/01 ai-Index: EUR 44/074/2001 24. Oktober 2001
– md / Komplette UA auf unserer Webseite)
Amnesty
International Urgent Action für Em-rullah Karagöz (23) und Mustafa Yasar
(29)
Am 1. November
2001 wurden Emrullah Kara-göz (23) und Mustafa Yasar (29) einem Richter
vorgeführt, der ihre Überführung in das Ge-fängnis von Diyarbakýr anordnete.
Die Ge-fängnisbehörden bestreiten jedoch, dass die beiden Männer sich dort
in Untersuchungshaft befinden. Laut Angaben der türkischen Behör-den befindet
Mustafa Yasar sich in Polizeige-wahrsam, wo er folglich in Gefahr ist,
gefoltert zu werden. Da über den Verbleib von Emrullah Karagöz keine Informationen
vorliegen, be-fürchtet amnesty international, er könnte dem „Verschwindenlassen“
zum Opfer fallen.
Beide Männer
sind HADEP-Mitglieder. Kara-göz ist für die Jugendorganisation der Partei
tätig. Yasar ist außerdem Mitglied des IHD.
Mustafa Yasar,
war am 29. Oktober in seiner Wohnung von Polizisten in Zivil festgenommen
worden. Nachdem man ihn ins Gefängnis ü-berstellt hatte, soll er zu weiteren
Verhören auf die Polizeiwache zurückgebracht worden sein.
Die Familie
des Archäologiestudenten Emrullah Karagöz hat ihn seit dem 27. Oktober
nicht mehr gesehen. Am 29. Oktober erschie-nen jedoch Gendarmen bei der
Familie, frag-ten nach ihm und durchsuchten das Haus. Nachdem sein Vater
bei den Behörden Erkun-digungen eingeholt hatte, bestätigte der Staatsanwalt
von Diyarbakir am 1. November, dass Karagöz inhaftiert worden sei. Über
den derzeitigen Haftort des Studenten liegen je-doch keine Informationen
vor. Emrullah Kara-göz war Berichten zufolge in diesem Jahr schon einmal
von Polizisten gefoltert worden (s. EXTRA 22/01 vom 28. März und 16. August
2001).
(UA 280/01
ai-Index: EUR 44/079/2001 5. November 2001 – bs / Komplette UA auf unserer
Webseite)
PNK-Bakûr
fordert die EU zu mehr Prinzi-pientreue auf
In seiner
Rede beim Türkei-Hearing der PDS-Bundestagsfraktion am 2. und 3. November
2001 im Berliner Reichstag übte Ziyaaddin Saidpour, Vertreter der Nationalen
Plattform Kurdistans-Nord (PNK-Bakûr) Kritik an der EU. Die EU habe – offensichtlich
mit überzogener Rücksicht auf die türkischen Empfindlichkeiten – vermieden,
das Kurdenproblem beim Namen zu nennen. [...] Bei einer so wichtigen Frage
wie der Kurdenfrage hätte die EU sie beim Namen nennen und offen ihre Vorstellung
über die Lösung darstellen sollen. Indem sie das nicht getan hat, habe
die EU von Beginn an der Türkei nachgegeben. Er forderte die EU auf, ihren
Prinzipien treu zu bleiben und solan-ge mit der Türkei keine Beitrittsverhandlungen
zu führen, bis sie ihre Hausaufgaben erfüllt.
Er forderte
die Türkei auf, ehrliche Schritte in Richtung Demokratisierung und Lösung
der Kurdenfrage zu unternehmen. Dazu gehörten eine demokratische Verfassung,
die das Recht auf freie Meinungsäußerung, Gewissens- und Organisationsfreiheit
garantiert und die Aner-kennung der Existenz der Kurden sowie die verfassungsmäßige
Garantie der kurdischen Identität und Rechte. Die Kurdenfrage sei we-der
eine Frage der individuellen Rechte, noch eine Frage der nationalen Minderheiten.
„Die kurdische Geschichte lässt sich Tausende von Jahren zurückverfolgen.
Die Kurden haben eine eigene Sprache und Kultur. Das kurdische Volk bildet
in seiner auf vier Staaten geteilten Heimat Kurdistan die Mehrheit. Die
gesamte Bevölkerungszahl der Kurden in der Region beträgt 40 Millionen.
Fast die Hälfte davon lebt in Nordkurdistan und innerhalb der Grenzen der
Türkei. Die Kurden wollen wie alle ehren-haften Völker dieser Erde frei
in ihrem Land leben. Sie wollen über ihre Zukunft selbst bestimmen.“
Er rief die
Türkische Regierung auf, realistisch zu handeln, die Existenz der Kurden
anzuer-kennen und für eine gerechte Lösung mit der kurdischen Seite in
den Dialog zu treten, Kom-promisse einzugehen.
„Wir verlangen
von der EU, das Problem realistisch anzugehen und nicht mit Rücksicht auf
die Türkei zu handeln. Die EU sollte einerseits im Bezug auf die Kopenhagener
Kriterien standhaft handeln, aber auf der anderen Seite das Kurdenproblem
als ein nationales Problem anzusehen und Lösungen entwickeln, die dieser
Tatsache gerecht werden. (Quelle: Rede Z. Saidpour, PNK-Bakûr, 03.11.01)
EU-PARLAMENT
MAHNT TÜRKEI ZU WEI-TEREN REFORMEN
Das Europaparlament
hat die eingeleiteten Reformen in der Türkei begrüßt, sie gleichzei-tig
aber zu weiteren Anstrengungen aufgefor-dert. Die Anfang Oktober von Ankara
verab-schiedete Verfassungsreform sei ein „erster bedeutender Schritt in
die richtige Richtung“, stellte die Straßburger Versammlung am Don-nerstag
fest. Im Hinblick auf den angestrebten EU-Beitritt der Türkei seien aber
weitere erhebliche Anstrengungen notwendig. Zugleich forderte das Parlament
die EU auf, die not-wendigen politischen und wirtschaftlichen Re-formen
in dem Land mehr als bisher finanziell zu fördern. (Quelle: afp, 25.10.01)
Tod in Polizeihaft
Am 23. Oktober
wurde gegen 7 Uhr in der Frühe die Leiche von Yunus Güzel (33) in ei-ner
Zelle der Abteilung für Terrorbekämpfung im Polizeipräsidium von Istanbul
gefunden. Güzel war als vermeintlicher Selbstmordatten-täter der DHKP/C
bei Operationen zwischen dem 16. und 22. Oktober festgenommen wor-den.
Nach offizieller Darstellung beging er Selbstmord, indem er seine Pritsche
gegen die Wand stellte und sich mit einem Strick, den er sich aus dem Bettlaken
anfertigte, erhängte. Die TIHV spricht von 50 Toten in der Polizei-haft
in den letzten 6 Jahren. (Quelle: Radikal, 24.10.01)
Polizeioperation
gegen Todesfastende for-dert 4 Tote
Wie der Menschenrechtsverein
IHD und die Solidaritätsorganisation TAYAD mitteilen, kam es am Montag,
5. November, zu einer massi-ven Polizeioperation gegen die sogenannten
Widerstandshäuser im Istanbuler Armenviertel Kücükarmutlu. Wie eine Delegation
des IHD-Istanbul bekannt gab, befand sich der Ort der Operation regelrecht
im Kriegszustand. Überall roch es nach Schießpulver. Bei der Erstür-mung
eines Hauses brannte das Hausinnere fast vollständig aus. In das zweite
Haus drang die Polizei nicht ein.
Augenzeugen
berichteten, dass eine große Anzahl Polizei-Eingreiftruppen, Zivilpolizisten
und Spezialeinheiten mit Schneemasken an der Operation beteiligt waren.
Gegen 15.00 Uhr begann die Operation unter massivem Einsatz von Waffen
und Gas-Bomben. Die aus dem Haus herausgeholten 4 Personen lagen etwa eine
halbe Stunde übereinandergeworfen auf der Straße und waren vermutlich bereits
tot. Bei der Autopsie wurde festgestellt, dass die Toten Schusswunden aufwiesen.
Sie be-richteten weiter, dass die Polizei auf die Todesfastenden und ihre
Begleiter sowie auf Jugendliche, die auf der Straße Barrikaden errichtet
haben, geschossen hat. Bei der Ope-ration wurden 6 Menschen getötet 9 verletzt.
(Quellen:
IMK, IHD, TAYAD, 05.11.01)
HADEP-Mitglied
Burhan Kockar in seinem Haus von der Polizei ermordet
10 Polizisten
drangen in der Nacht zum 30. Oktober kurz nach Mitternacht in das Haus
des HADEP-Mitglieds und Polizisten Burhan Ko-ckar in Dogubeyazit ein und
töteten ihn.
Seine Frau
Ufuk Kockar, Zeugin der Ermor-dung, sagte, gerade als ihr Ehemann zur Nachtmahl
(Mahlzeit beim Fasten, die vor dem Sonnenaufgang gegessen wird) aufgestanden
war, klopfte es an der Tür. „Ich war noch im-mer im Schlafzimmer. Er öffnete
die Tür und ich hörte drei Schüsse. Ich rannte unter Schock runter zur
Tür und sah meinen Mann blutverschmiert auf dem Boden liegen. Vor ihm standen
10 Polizisten mit Schneemasken. Während mich einer ins Haus drängte, fragte
er seinen Kollegen, warum er geschossen hatte.
Zu seinem
Begräbnis kamen Tausende von Menschen und Händler und Geschäftsleute schlossen
aus Protest ihre Geschäfte.
(Quelle: Özgür
Politika, 02.11.01; Kurdish Observer, 02.11.01)
Massenliquidierung
von politischen Gefan-genen im Stil der Nazis Diktator-Sohn Qusay leitet
die Exekution von 15 Gefangenen in der „Gaskammer“
Quellen der
Irakischen Kommunistischen Par-tei in Bagdad haben Details einer schreckli-chen
Tat offengelegt des Regimes offengelegt. Unter der Leitung des jüngeren
Sohnes Sad-dams und seiner „Special Security“ wurde eine Massentötung im
Stil der Nazis durchgeführt.
15 Gefangenen
wurden am 10. August 2001 in einer Gaskammer ermordet. Die Opfer sollen
innerhalb von 27 Sekunden tot gewesen sein. Ihre Leichen wurden eine in
der Gaskammer liegengelassen, bevor das Gas durch spezielle Ventile wieder
abgesaugt wurde. Die barbari-sche Exekution wurde auf Video aufgenom-men
und Qusay vorgeführt.
Bei den Tätern
handelt es sich um Sarmad Salah al-Rawi, einem Chemie-Ingenieur (Neffe
des Mitglieds der irakischen Nationalversamm-lung Hamed al-Rawi), Mohammed
Nasser Hussein al-Nasseri, einem Wissenschaftler, Lt. Col. Abdul Wahab
Abdul Razzaq, Qusays Repräsentant bei der „Special Security“.
Als Opfer
der grausamen Tat konnten identifi-ziert werden Karim Karkoush al-Anbaki
(aus Diyala), Ali Abdul Kadhem al-Ka’bi (aus Uma-rah), Hashem Hmeidan al-Mousawi
(aus Kut), Hayder Rahim (aus Bagdad) und Ali Jassem Abadi (aus Bagdad).
Die Gaskammer
wurde im vergangenen Jahr errichtet und soll die schnelle Massenliquidie-rung
von Gefangenen im Rahmen der Säube-rungskampagne in den Gefängnissen ermögli-chen.
Bei dieser „Kampagne“ wurden seit 1998 etwa 3.000 Häftlinge ermordet. Es
wird immer wieder berichtet, dass der Irak Kriegsgefange-ne und kurdische
Zivilisten als Versuchsobjek-te für chemische Waffen benutzt.
(Quellen:
Kommunistische Partei Iraks, Zentrum für Men-schenrechte, 31.10.2001; KurdishMedia.com,
05.11.01)
PUK greift
Stellungen von Jund al-Islam an
Einheiten
der PUK haben in der Nacht zum 4. November Stellungen des Jund al-Islam
in den Gebieten Palik, Qalarezhina, Banan, Pishti Tawera, und um Hawar
und Biara angegriffen.
Bei dem Rückzug
wurden mehr als 25 PUK-Peshmergas, darunter auch ein Militärkom-mandeur,
durch Landminen mit TNT getötet. Dadurch waren die Peshmerga gezwungen,
einige Stellungen, die sie bereits eingenom-men hatten, wieder zu räumen.
(Quelle: Kurdistan
News Network, 04.11.01)
Irakische
Truppen sammeln sich an der Grenze zu kurdischen Gebieten
Berichten
zufolge nimmt die Positionierung von irakischen Truppen in dem Grenzgebiet
zu Kurdistan zu. Dutzende von Militär-Lastwagen, Tanks, Artillerie und
Raketenbatterien sind in der Nähe von Dohuk in Stellung gebracht wor-den.
Die Behörden bereiten sich damit auf einen möglichen Militärschlag der
USA mit Unterstützung der Türkei vor. Auch türkische Militärhelikopter
sind ungewöhnlich aktiv nahe der Grenzstadt Zakho.
Die Personenkontrollen
an den Straßen, die in kurdische Gebiete führen, wurden ebenfalls verstärkt.
Es werden
Gräben angelegt, um die neuen Waffen zu schützen. (Quellen: Irak
Press, 02.11.01; KurdishMedia.com, 03.11.01)
Washington
steht weiterhin fest an der Sei-te der Irakischen Kurden
Necirvan Barzani
(KDP) und Barham Saleh (PUK) äußerten bei ihrem Besuch in Washing-ton gegenüber
Regierungsvertretern ihre Be-sorgnis darüber, dass Saddam die Konzentra-tion
der USA auf Afghanistan nutzen könnte, um seine Macht in Nord-Irak wieder
zu instal-lieren. Doch Washington versicherte ihnen ihre weitere Unterstützung
gegen Saddam.
Die amerikanischen
Offiziellen dagegen beo-bachten mit Sorge die Distanzierung Barzanis von
Ankara und die Aufnahme der Beziehun-gen zum Iran. Sie drängten Barzani,
die engen Bindungen an Ankara wieder aufleben zu las-sen. In der Tat war
Barzani kürzlich zwei Mal im Iran. Bei seinem zweiten Besuch hielt er sich
dort eine Woche auf. Auch zum Irak soll er in Bagdad direkten Kontakt aufgenommen
haben. Die Begegnung hätte Russland koordi-niert.
Türkische
Offizielle sagten, Barzani hätte ge-nügend Zeit gehabt, über die relativ
kühlen Beziehungen zu Ankara nachzudenken. Sie würden das Thema wieder
aufgreifen, wenn er bei seiner Rückreise nach Ankara käme. In der Zwischenzeit
kam Barham Saleh in Ankara an und ging in eine zweite intensive Gesprächs-runde
mit türkischen Militärs und Vertretern des Außenministeriums. Vergangene
Woche hat eine hochkarätige türkische Militärdelegati-on Talabani getroffen
ihm jede Unterstützung zugesichert. (Quelle: Turkish Daily
News, 05.11.01)
Irak beschleunigt
Ethnische Säuberung in Kirkuk
Ohne jede
Kompensation hat die irakische Regierung das Land der Einwohner des Dorfes
Galabat konfisziert und sie in die befreiten kurdischen Gebiete deportiert.
Der irakische Geheimdienst Mukhabarat hat eine Liste mit 200 arabischen
Familien der Stämme Al La-heeb und Al Jiboor vorbereitet, denen das Land
der Kurden gegeben werden soll.
Einer der
Deportierten bestätigte, dass die irakischen Sicherheitskräfte jeden, der
sich weigert, seine ethnische Herkunft von der kur-dischen oder turkmenischen
in die arabische zu ändern, deportieren.
Durch ein
Dekret ließ das Büro der Irakischen Präsidentschaft über den Gouverneur
von Kirkuk verlauten, dass keine Person kurdischer Herkunft nach Ende 2001
in Regierungsbehör-den beschäftigt werden dürfe. Es drohen schwere Strafen,
wenn das Dekret nicht voll-ständig umgesetzt wird.
Vier Bewohner
des Dorfes Khan Khurma wur-den unter verschiedenen Vorwürfen festge-nommen.
Der Irak hat
drei neue Kontrollpunkte an den Verbindungsstraßen von der Stadt Tuz nach
Kirkuk, Tikrit sowie Bagdad errichtet.
(Quelle: Kurdistan
Newsline, 30.10.01)
Zahl der
Asylbewerber im Oktober erneut deutlich gestiegen
Nach Angaben
des Bundesinnenministeriums beantragten im vergangenen Monat 8.764 Menschen
Asyl, das waren 1.080 oder 14,1 % mehr als im Oktober 2000. Demnach stieg
vor allem die Zahl der Asylbewerber aus der Tür-kei, die mit knapp 1.200
den höchsten Stand seit Januar 1998 erreichte.
Dagegen ging
die zuletzt stark angewachsene Zahl der afghanischen Asylbewerber um 164
auf 678 zurück. Damit lag Afghanistan bei den Haupt-Herkunftsländern der
Asylsuchenden auf Platz vier hinter Irak (1.654), der Türkei (1.186) und
der Bundesrepublik Jugoslawien (710). (Quelle: afp, 06.11.01)
Britische
Polizei nimmt 74 Flüchtlinge fest
Die britische
Polizei hat insgesamt 74 in Gü-terzügen versteckte Flüchtlinge, hauptsächlich
aus Afghanistan und dem Irak, festgenommen. Sie hätten sich in Frankreich
in drei Züge ge-schlichen und seien so durch den Euro-Tunnel nach Großbritannien
gekommen, sagte ein Polizeisprecher in der südenglischen Hafen-stadt Folkstone.
Es handele sich vermutlich um die bisher größte Zahl von festgenommenen
Flüchtlingen innerhalb eines Tages.
(Quelle: afp,
06.11.01)
Fünf illegale
Einwanderer vor türkischer Küste ertrunken
Fünf illegale
Einwanderer sind auf ihrer Reise nach Griechenland vor der türkischen Küste
ertrunken. Ihr Boot geriet nach Behördenanga-ben in einen Sturm und kenterte
vor Bodrum. Auf dem Boot von acht Metern Länge waren nach Polizeiangaben
vermutlich 27 Flüchtlinge aus Sudan. Fünf Passagiere konnten von der türkischen
Küstenwache aus dem Wasser gerettet werden, mehrere schwammen zur Küste
und versteckten sich.
(Quelle: afp,
06.11.01)
Griechenland
lässt Flüchtlinge der "Brel-ner" an Land
Das führerlose
Flüchtlingsschiff „Brelner“ mit etwa 800 bis 1100 Flüchtlingen an Bord,
war von der griechischen Küstenwache aufge-bracht worden. Etwa 250 Passagiere
seien auf der Insel Zakynthos in ein Krankenhaus ge-bracht worden, teilte
die Hafenpolizei mit. Da-bei habe es sich um Frauen, Kinder und einige
kranke Männer gehandelt. Die anderen Pas-sagiere seien zunächst auf dem
Schiff geblie-ben, das im Hafen von Zakynthos ankert. Für die illegalen
Einwanderer, zumeist Kurden aus dem Irak und Afghanen, werde im Stadion
der Insel eine Notunterkunft errichtet.
(Quelle: afp,
06.11.01)
Liebe Leserinnen
und Leser,
wieder haben
wir für Sie interessante Artikel ausgewählt und auch die vollständigen
Urgent Actions von amnesty international auf unserer Webseite für Sie abgelegt.
Wir möchten
Sie auf unsere bevorstehenden Tagungen hinweisen:
Kurden im
Irak und Iran
Chancen sowie
Perspektiven von Autonomie und Selbstverwaltung
30.11. - 02.12.2001
in Bad Boll
Jinên Kurd
– Kurdische Frauen
Ausweg Flucht!
Ausweg Flucht?
07. - 09.12.2001
in Bremen
Fachtagung:
Kurdische Kinderflüchtlinge
14. - 16.
Dezember 2001, Königswinter
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